Jeantex Tour Transalp 2007 - 7. Etappe von Kaltern nach Riva del Garda
Es ist Sommer und es ist heiß, da ess’ ich ein Zitroneneis…
kostet es auch teures Geld, Zitroneneis ist meine, meine Wääääääääääähhäääääält! Und das haben wir uns heute so was von verdient, mehr verdienen wäre nur schwerlich möglich gewesen! Aber der Reihe nach.
Morgens kam ich anfänglich zwar wieder einmal nicht richtig hoch, aber nachdem ich stand machte sich eine fast unbekannt gewordene Motivation breit. Der liebliche Vorgeschmack, des nahenden Endes aller Qualen, lag wie eine dicke Schicht Zuckerguß über diesem Morgen. Da konnten weder die frischen Temperaturen, noch der lange Weg zum Frühstück und die Ansteherei am Klo den Appetit verderben. Dieser glich heute morgen wieder einem Abenteuer, da die Beleuchtung im Thronsaal noch immer nicht funktionierte. Nach einigem Warten auf den Anwärmer durfte ich dann auch endlich rauf. Was für ein Gefühl – Lord Kacke blickte von seinem Thron auf seine im halbdunkel liegenden Ländereien. Und während ich so meinen Blick über die Hügel und Täler schweifen ließ, fielen mir fast wieder die Augen zu, doch dann – Tock, tock! Quietsch, rumms. „Scheiße!, Besetzt!“, hörte ich es von draußen murmeln. Ich zuckte vor Schreck kurz zusammen und beschloss meine Ländereibesichtigung an dieser Stelle abzubrechen, stand doch schon der Thronfolger ( besser -Drängler) vor der Tür. Ich öffnete die Tür, blickte den Thronfolger mitleidig an und ging meine Sachen packen.
Heute dauerte es besonders lang. Alles wollte noch einmal sorgsam überprüft werden. Die Klamotten wurden schon zurecht gelegt, so dass wir nach dem Frühstück nicht mehr viel packen brauchten. Die Frühstücksverpflegung gab es heute wieder in der Kellerei. Wie immer gab es reichlich zu futtern. Kaltern ist deutschsprachiges Südtirol, das verriet der Brötchencheck sofort. Heute hatten sie wieder standesgemäße Größe – nicht königlich, aber fürstlich. Dazu die Standardportion Müsli bis zum Tellerrand mit einem Berg Milch. An unserem Tisch heute eine Meute C- oder D-Fahrer, die auch noch einmal Blut geleckt hatten oder gestern einfach zuviel Wein zur Motivation tranken, wer weiß. Jedenfalls begann der Wettkampf für die Burschen schon am Tisch: 2x Müsli, 4x Brötchen, Äpfel, 2x Kaffee, 6x Actimel – pro Person. Was soll ich sagen, das Essen hatte gewonnen. Die Augen waren größer als der Mund. Wir leerten in der Zeit brav unsere Tellerchen und amüsierten uns insgeheim sehr darüber. Wohl genährt stiefelten wir wieder zurück. Auf dem Weg ins Camp holten wir unsere Räder aus der Garage ab, die sich heute Nacht in einer Traubenpresse befand. Im Camp gab es derweil nicht mehr viel zu tun. Wir kleideten uns an, überprüften noch einmal die Futtervorräte in der Trikottasche und nahmen die tägliche Ölung der mittlerweile geadelten Waden vor. Vor Öl triefend, wie Pommes aus einer schlechten Frittenbude, stolzierten wir dann zu den Rädern und begaben uns an den Start. Es war mal wieder weit vor der Zeit, also nahmen wir uns ein paar Stühle der Kellerei und setzten uns in den Schatten. Die Sonne war zwar schon draußen, erreichte unsere Ecke aber noch nicht. Um die Langeweile etwas zu überbrücken begannen wir mit dem, was Wissenschaftler und die, welche gerne Wissenschaftler wären, so machen, wenn sie nicht weiter wissen – richtig! Ihr habt es sicher auch schon erraten, wir erhoben eine Statistik. An unseren Logenplätzen mussten alle vorbei, die in Startblock B, C oder D standen und so konnten wir in aller Seelenruhe eine kleine Bestandaufnahmen der am meisten vertretenen Radmarken machen. Platz 1 ging an Canyon, dicht gefolgt von Rose. Dahinter mit etwas Abstand Trek, Cube, Stevens und Cannondale zu fast gleichen Teilen. (An dieser Stelle keine Gewähr für die Richtigkeit!)
Nach derlei Zeitvertreib schritten wir zuversichtlich in den Startblock. Heute wollte ich noch einmal angreifen, eventuell noch ein Plätzchen gut machen. Wir rollten aus Kaltern heraus, immer bergab und immer schön neutralisiert. Doch was die Tage zuvor als gemütliche Fahrt bergab stattfand, entpuppte sich heute als Fiasko. Die Renndirektion schien es eilig zu haben und so ging es mit 40-50 km/h hinunter. Das Problem lag darin, dass das Tempo etwas zu hoch für ein bergab fahrendes Feld war. Das Feld entzerrte sich noch nicht und so hatte ich heute sehr viel Mühe nicht noch das Hinterrad eines Vordermannes zu erwischen, da alle sehr nervös fuhren und sichtlich Probleme mit dem Tempo hatten. Im Flachstück Richtung Mezzolombardo ging es dann wieder etwas, aber auch hier musste man auf der Hut sein, denn die Straßen waren eng und der Wille noch einmal was zu reißen, bei vielen spürbar. Hin- und wieder würzten ein paar Straßeneinengungen den Ausritt. Dabei schrammte ich mehrmals nur knapp an einem Sturz vorbei. Insbesondere einige Unbeirrbare , die nach 7 Tagen immer noch nicht gelernt hatten, dass man Gullideckel NICHT umfährt, brachten mich mal wieder zur Weißglut. Nachdem wir den Entenmarsch hinter uns gelassen haben, stand die erste Prüfung des Tages auf dem Programm. Es ging hinauf zum Fai della Paganella und ich muß gestehen, dass nach sechs Renntagen auch so ein auf den ersten Blick lächerlicher Pass echt weh tut. Die Auffahrt zog sich sehr lang hin. Es ging immer stetig mit 6% bergauf. Das Tempo betrug 15-16 km/h, gefühlt waren es aber mehr. Anfänglich hatte ich ein paar Probleme, bis Philipp sich vor mich setzten und das Tempo angab. So stiefelten wir ruhig aber beharrlich bergan und holten nach und nach einige unserer ärgsten Widersacher wieder ein. Währenddessen kam auch Dirk zu uns vorgefahren und so fuhren wir zu dritt hinauf. In Fai della Paganelle bot sich wieder ein echtes Spektakel. In voll besetzten Gasthäusern und von zahlreichen Cafés und Terrassen bejubelten uns die Leute, während wir mit 50 km/h durch den Ort regelrecht hindurch fegten. Kurz hinter dem Ortsausgang gab es zum ersten mal was zu futtern. Es war auch heute wieder sehr heiß, aber wir setzten alles auf eine Karte und verklemmten uns das Auffüllen der Flaschen. Ich griff nur eine Banane und ein Squeezy und stiefelte weiter. Die Abfahrt war nur kurz, aber landschaftlich sehr beeindruckend. Vor lauter Schönheit vergaß ich hin und wieder auf die Straße zu sehen und so erschrak ich mich auch gehörig, als auf einmal ein Traktor hinter einer Kurve zum Vorschein kam. Aber es ging nicht nur mir so. Auf dem Flachstück in der Abfahrt wurde wieder ordentlich gekreiselt und so zirkelten wir mit gut 50 Sachen über die Hochebene nach San Lorenzo. Dabei hatten wir nur einen leichten, warmen Gegenwind – so ließ es sich fahren. Hinter San Lorenzo gab es dann noch einmal eine schöne Abfahrt mit verdauungsfördernden Kurven. *mjam* Ich beschloß im Tal noch einen Riegel und ein Gel reinzuschieben und dann anzugreifen. Die Aktion Müsliriegel geriet allerdings zum Desaster. Der staubtrockene Hafersnack war bei der Wärme kaum zu essen. Es wurde im Mund immer mehr. Als ich diesen endlich auf hatte, wollte ich noch ein Gel hinterher schubsen, was aber auch in einem Fiasko endete. Ich riss die Spitze nicht ordentlich ab. Erst beim Drücken auf den Beutel öffnete sich dieser dann und das halbe Gel schoss mir mit Schwung über den Arm und Lenker. Ich leckte das Gel vom Arm ab und musste mich dabei etwas aus der Gruppe fallen lassen. Der Rest klebte schön am Lenker und Schaltgriff. Zumindest hatte ich jetzt keine Möglichkeit mehr, mich damit zu entschuldigen, dass ich vom Schalthebel abgerutscht wäre oder ähnliches. Gut geklebt jagte ich dann der leicht enteilten Gruppe hinterher. Nach der ersten Rampe des Ballino war ich dann wieder dran. Ich entschied mich kurz Luft zu holen und an der zweiten Rampe zu attackieren. Gedacht, getan. Ich ging kurz aus dem Sattel und zog los. Nach einigen Metern setzte ich mich wieder, denn mein Puls befahl es so. Ich drehte mich um, sah zufrieden das Loch und fuhr weiter. Für Philipp war das kein Problem, er fuhr locker vor mir her, aber meine Beine sagten nach gut 1,5 min – Nene, heute nicht! Der Klumpen am Fuß wurde immer größer und so näherten sich die schon als abgehängt klassifizierten Verfolger wieder. An der dritten Rampe hatte ich dann Mühe ihnen zu folgen. Nur ein Team, war noch etwas im Rückstand. Mit aller Kraft hechelte ich den schon mal abgehängten nun hinterher. Attacke gescheitert, nun bloß keinen Scheiß mehr machen und irgendwie mitkommen, war die Devise. Für Philipp galt das so nicht. Kurz vor Ende des letzten Passes attackierte er noch einmal und verabschiedete sich allein in die Abfahrt. Ich nahm dies als Aufforderung, dass ich ihm nachfahren solle wahr und düste los. Allerdings hielt der Nachbrenner auch hier nicht lange vor und ich musste mich notgedrungen wieder mit einigen Mitfahrern arrangieren. Die Gruppe lief nur mäßig und so gelang es uns mit 8 Personen nicht, Philipp wieder einzuholen, so sehr wir uns auch mühten. Nichtsdestotrotz war auch diese letzte Abfahrt wieder eine Mordsgaudi. Ich kostete noch einmal jede Serpentine aus. 5 km vor Riva war dann die Zeitnahme aufgebaut. Ich fuhr einige hundert Meter hinter Philipp hindurch – nun war es also vorbei. Gemütlich rollten wir in den Ort hinein und genossen die eingebaute Vorfahrt, die uns die Motorradpolizisten besorgten. *g* Dann kamen noch ein paar Ecken und Kurven, ehe wir das endgültige Ziel erreichten. Mit erhobenen Händen überquerten wir gemeinsam die Ziellinie, gezeichnet von den Renntagen, aber nicht geschlagen.
Vorbei, keine Berge mehr hoch, keine Abfahrt mehr runter, kein Oat-Snack, Squeezy und PowerBar-Getränk mehr – endlich geschafft. Glücklich über das erreichte Ergebnis, das wir uns innerlich zwar erhofft hatten, aber nicht ernsthaft daran geglaubt, stiegen wir vom Rad und besuchten erst einmal den Verpflegungsstand.
Wir deckten uns mit Weintrauben und anderem Obst ein und streckten alle Viere von uns.
Nach dieser Verschnaufpause suchten wir unser heutiges und letztes Nachtquartier auf. Die Dusche war wieder einmal außer Haus im gegenüberliegendem Saunaclub und randvoll. Die Bestzeit von 15 sec. Warmwasser am Montag konnte heute locker unterboten werden. Auch die eingesetzte Menge Wasser pro Kopf wäre die Rettung der Welt, wenn jeder so sparsam wäre.
Nach der Widerherstellung des Körpers beschlossen wir ein Eis essen zu gehen, nach einer Empfehlung von duebex. Leider waren in der Beschreibung zwei Widersprüchlichkeiten, die uns letzten Endes zum falschen Eiscafé führten. Das richtige war gelb, wie beschrieben, gehorcht aber auf einen anderen Namen als Cristallo. Beide lagen ungefähr 100 m auseinander. Wir wählten letzteres und damit das Falsche. Das Eis schmeckte zwar sehr lecker, aber die lautstarke Eurosport Live Übertragung der Formel 1 machte einen etwas Kirre. Besonders, wenn man etwas entspannen wollte. Schwamm drüber, es gab leckeres Joghurteis und einen Cappuccino.
Nach diesem verdienten Genuss schlenderten wir noch etwas durch Rivas Altstadt und kehrten dann wieder in unser Nachtlager zurück. Ich ging mit Dirk noch einmal in den See plantschen. Das wir keine erfahrenen Gardaseegänger waren, war uns leicht anzumerken, da wir durch die Steine ins Wasser eierten. Erst rauswärts fanden wir eine kleine beräumte Stelle, an der keine Steine lagen und man heilen Fußes das Wasser wieder verlassen konnte.
Nachdem wir wieder zurück waren, war die Zeit für das Abendessen auch langsam ran. Heute saßen schon sehr viele Leute an den draußen aufgestellten Bänken und so bildete sich dann auch sofort ein Traube, als der erste begann sich anzustellen. Ratzfatz stand eine 100 m lange Schlange da und wartete geduldig auf den letzten Akt des Tages. Der kulinarische Höhepunkt war heute eine deutsch-italienische Küchenkreuzung. Es gab Pasta mit Basilkum-Tomatensoße, Wein, den die Abfüller auch sehr gerne zum Eigengebrauch abfüllten, Pommes, Brötchen, Salat und ein halbes gegrilltes Hähnchen. Wir labten uns an diesem Mahl und fühlten uns anschließend gut gesättigt. Zumindest ausreichend gut, um die lange Zeremonie über uns „ergehen“ zu lassen. Eine Siegerehrung jagte die Nächste und nach dem alle Sieger ausreichen gekürt waren ging es an die Verteilung der Finisher-Trikots. In vier Reihen wurden diese ausgegeben und es ging zügig voran. Als wir unsere Trikots hatten bemerkten wir sofort einen lustigen Fehler. Es standen 8 Etappen drauf, obwohl es nur sieben waren. Irgendjemand beim Druck hat wohl die Orte und nicht die Etappen gezählt.
Wir unterhielten uns noch ein Weilchen und erzählten uns Radfahrerlatein, bevor wir die Veranstaltung verließen. Dirk, Florian und ich gingen noch einmal an der Promenade entlang spazieren und Philipp versuchte zu schlafen. Allerdings war das ein erfolgloser Versuch. Die Party ging noch bis 02:00 Uhr mit einer Lautstärke, dass an Schlaf nicht zu denken war – es halfen auch keine Ohropax. Aber zum Schlafen ist ja auch der Bus da….
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben