Jeantex Tour Transalp 2007 - 5. Etappe: Von Livigno nach Ponte di Legno

Ort: 
Livigno
Veranstaltungsdatum: 
28.06.2007

Wie gewonnen, so zerronnen

Nach einer lausigen Nacht wachte ich heute morgen ordentlich gerädert auf. Die Halle war über Nacht ziemlich ausgekühlt und ich grübelte kurz, ob ich lieber gleich mit Arm- und Beinlingen das Bad aufsuchen sollte. So richtig leuchtete es mir heute nicht ein, dass ich auftstehen sollte und so blieb ich erst einmal liegen. Erst als die Zeit schon reichlich knapp war, um noch ohne Schlange stehen, was zwischen die Kauleiste zu bekommen raffte ich mich endlich auf. Schon beim Aufstehen deuteten mir meine Beine an, dass heute alle Zeichen auf Streik stünden. Dermaßen vorgewarnt schob ich mir gleich einen Hafersnack rein und versuchte damit gute Laune beim Arbeitspersonal aufkommen zu lassen. Um diese Uhrzeit schmeckte es eher mäßig und so würgte ich das Ding widerwillig runter. Zum Frühstück gab’s dann etwas besseres. Allerdings waren heute die Müsliportionen mini - noch ein Reinfall, denn zum Auffüllen gab es mal wieder Plastelöffel, die das Befüllen des Tellers ordentlich hinzogen. Zum Müsli gab es noch Wurst, Käse, Marmelade und Minitaurmini-Flutes. So in etwas halb so groß wie unsere Mini-Flutes, die ja schon mickrig sind. Ich aß also alles brav auf, was ja auch nicht weiter schwer war und danach gingen wir an das obligatorische Bepacken der Taschen. Die Klamottenwahl war heute mal wieder heikel. In Livigno waren es gerade mal 2°C. Es sollte erst hoch gehen und dann lang hinab runter auf 400 Meter, was dafür bürgt, dass man im Kessel ordentlich schwitzt. Wir zeigten heute Mut, im Gegensatz zu Dienstag. Handschuhe hatte ich eh keine mehr zu verlieren. Ich entschloß mich, wie Philipp zum Kurzdress, garniert mit Armlingen. Bergauf wird uns schon warm werden, war die optimistische Grundannahme, die zu unserem sehr sommerlichen Bekleidungsstil führte, trotz der 2°C. Nach der Abgabe der Taschen am Gepäckwagen holten wir unsere Räder aus der Tiefgarage. Die frischen Temperaturen und die sommerliche Kleidung veranlassten uns dann aber noch bis kurz vor Start wieder in der Halle Platz zu nehmen und zu warten. 10 Minuten vor Abfahrt standen wir dann auch erst im Block, gespannt auf die Erfahrung gleich mal einen Paß hinauf zu fahren, ohne sich vorher warm zu fahren.

Es ging los mit einer kleinen Dorfrunde durch Livigno hindurch und dann stand die Lampe der Rennleitung auch gleich auf grün. Das Tempo zog merklich an. Der Forcola da Livigno war zum Glück nicht sonderlich steil, aber ich hatte schon hier große Mühe dem Tempo der Spitze zu folgen. Philipp bekam nicht mit, wie ich schon bei KM 10 abfiel und der Spitze in etwa 150 m Abstand hinterher hechelte. „Das fängt ja gut an“, dachte ich und setzte alles daran in der Abfahrt wieder an ddie Spitze ranzufahren. Da die Spitzengruppe am ersten Anstieg immer noch sehr groß war, zog sich das Feld auch als dementsprechend lange Perlenkette die Abfahrt hinunter. Fahrer für Fahrer arbeitet ich mich vor, was sich allerdings als sehr schwierig erwies, da die Abfahrt keinerlei Serpentinen enthielt. Die Kurven waren sehr lang und die Geschwindigkeit der Mitstreiter auch entsprechend hoch. Auf der Mitte der Abfahrt ließ zu meinem Frust jemand auch noch ein sehr großes Loch reißen. Ich fuhr vorbei und keulte mit 140 U/min der nächsten Gruppe hinterher. Kurz vor dem ersten Flachstück hatte ich sie dann. Mein Magen schrie jetzt schon wieder nach Verwertbarem und so versuchte ich ihn durch erneute Gabe einer Dosis Hafersnack in Schach zu halten. Der Hafersnack wollte heute einfach nicht schmecken und so würgte ich auch diesen nur widerwillig runter und begoss ihn mit reichlich Limonade und einem Gel.

Nachdem ich mit dem zweiten Frühstück fertig war ging es noch etwas bergab und dann waren wir auch schon in Tirano. Die Stadt am Fuße des Mortirolo bot noch einmal Gelegenheit zum Auffüllen der Reserven. Ich ließ die Verpflegung rechts liegen und schob mir stattdessen noch einen Hafersnack rein. Viel hilft viel, so die Devise und ab damit in den Verdauungstrakt. Keine 200 m danach ging es dann auch schon in den Anstieg zum Mortirolo. Alle bolzten hinein wie die Bekloppten und als ich auf meinen Tacho sah stand dort immer noch eine 21, trotz 7% Steigung. Mein Herz beruhigte sich nicht und ich merkte ziemlich früh, dass ich heute Leiden musste wie ein Hund, wenn ich diese Etappe irgendwie ordentlich beenden möchte. Ein direkter Verfolger nach dem Anderen unserer zog an uns vorbei. Jeder ein Schlag in die Magengrube, aber ich konnte heute nicht schneller. Philipp zog mich ein paar mal ab, das war angesichts der bevorstehenden Länge des Anstiegs aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immer wieder wechselte die Steigung von fast flachen 3-4% auf 8% oder gar 10%. Der ständige Wechsel raubte mir die Nerven. Ich fand kein richtiges Mittel gegen diese Ungleichmäßigkeit und so begann der Berg mich langsam innerlich aufzufressen. Zuerst raubte er mir die Kraft und dann die Motivation. Nach der Hälfte des Anstiegs hatte der Berg mich bezwungen. Ich fuhr auf Sparflamme. Meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Butter und auch das eingeworfene Power-Gel verpuffte wirkungslos. Philipp fuhr unterdessen schweigend vor mir her, wohl wissend das dies gerade keine Glanzleistung war. Aber er schwieg, wofür ich ihm heute sehr dankbar war. Nach knapp 15 km Anstieg kam dann eine etwas flachere Passage. Ich drehte mich zum ersten mal um und sah hinten Leute auf mich zukommen, die mich im ganzen Rennen noch nicht überholten. Das kratzte dann doch etwas an meiner Ehre und so mobilisierte ich noch einmal alle Kräfte, die ich hatte. Ich konnte zumindest den Abstand konstant halten. Vor mir sah ich eine lange Schlange anderer Fahrer, doch ich näherte mich ihnen keinen Zentimeter. Unterdessen gingen auch meine Wasservorräte zur Neige und zur nächsten Verpflegung waren es noch 5 Kilometer. Sich Wasser am Berg einteilen zu müssen ist ziemlich ätzend, erst recht wenn man sich schon scheiße fühlt. Ich schleppte mich zur Verpflegung, wo Philipp mal wieder für das Auffüllen der Flaschen sorgte, während ich mir nur eine Banane griff und versuchte nicht zuviel Zeit zu verlieren. Dabei verloren wir noch ein paar Plätze und ich stampfte nahezu machtlos hinterher. Die Verpflegung markierte gleichzeitig auch das Ende des Anstiegs.

Heute gab es danach aber keine Anfahrt zum Verschnaufen, sondern es ging auf einem Kammweg entlang. Dieser war nur leicht abschüssig und so mussten wir hier reichlich Saft und Kraft investieren, um wieder Zeit gut zu machen oder besser gesagt, nicht noch mehr zu verlieren. Der Kammweg bot eine wunderschöne Aussicht, die man auf Grund der Hatz leider kaum genießen konnte, denn der Weg zog sich in engen Kurven mit viel Split den Berg entlang. Wir verloren auf dem Kammweg eine Gruppe vor uns aus den Augen, doch dann kam endlich die lang ersehnte Abfahrt und wir konnten unserer Spezialdisziplin frönen. Die Abfahrt war sehr schwierig. Die Serpentinen lagen dicht hintereinander, dazwischen steile Geraden mit grobem Asphalt. Bei jedem Anbremsen in die Kurve rutschte das Hinterrad weg, weil zuviel Bremslast auf dem Vorderrad lag. Wie zur Bestätigung dessen, kam hinter einer Kurve auch gerade ein anderer Fahrer aus dem Grün geklettert. Kurz vor Ende der Abfahrt fuhren wir dann wieder auf die Gruppe auf, die uns zuletzt kassierte. Wir nutzten die Chance und fuhren sogar noch eine weitere Gruppe auf, in der sich ein paar wichtige Freunde aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft aufhielten und Dirk. Philipp hatte genügen Unmut auf der Etappe gesammelt und wollte es jetzt noch einmal wissen. Der beständige Gegenwind und der lange flache Anstieg in das heutige Etappenziel Ponte di Legno forderten noch einmal alles. Ich kämpfte verzweifelt um Philipps Windschatten und musste wirklich heftig bluten, um nicht reißen zu lassen. Knapp vor dem Ziel unterlag die Gruppe dann den üblichen Auflösungserscheinungen. Ich verlor den Anschluss und so rollten wir als letzte der Gruppe über die Ziellinie.

Danach musste ich erst einmal 5 Minuten verschnaufen und die heutige Etappe innerlich abhaken. Ich genehmigte mir 2 Liter naturtrüben Apfelsaft und ein paar Scheiben Schinken mit Brötchen, um den Frust zu verdauen.

Danach wollten wir zum Camp duschen, was aber heute nicht so einfach war. Wir mussten am Sportcenter duschen, wo auch die Pasta-Party stattfinden sollte und danach mit einem Shuttle-Bus ins Camp fahren. Der Bus war mächtig imposant. Ungefähr 10 Leute passten hinein und mit Taschen eher weniger. Dennoch sollten wir heute noch Zeuge davon werden, wie viele Leute reinpassen, wenn man denn nur will. Im Camp angekommen waren wir heute wirklich die Allerersten. Nicht einmal die Tour-Transalp Leute waren vor uns da. Und so verging erst noch einige Zeit, bis die Halle aufgeschlossen wurde. Wir richteten uns ein und begannen mit der langsam schon in Herz- und Blut übergegangenen Regenerationsmaßnahmen. Ich döste danach noch etwas vor mich hin, bevor es zum Essen ging. Heute gab es Penne, schön al dente und mit Tomatensoße, das können die Italiener! Leider wieder auf hässlichen Plastiktellern. Dazu wieder Schinken und Käse, die sehr lecker waren. Zum besseren Abgang gab es heute noch etwas Blasmusik, des örtlichen Blasorchesters. Über mangelnden Nachschlag konnte man heute zum Glück nicht nörgeln und so begab ich mich zum Shuttle. Auf das warteten ich eine knappe Dreiviertelstunde, obwohl es alle 20 min. kommen sollte – italienische Pünktlichkeit halt. Philipp, Dirk und Florian kamen etwas später und mussten sich den Bus mit knapp 40 Leuten teilen. Ich sagte doch, da geht noch was! Wink Immer noch hundemüde hatte ich heute keine Probleme einzuschlafen und so war ich ratzfatz weg.