Jeantex Tour Transalp 2007 - 4. Etappe: Von Naturns nach Livigno

Ort: 
Livigno
Veranstaltungsdatum: 
27.06.2007

Klimatologische Feldversuche am Menschen

Pünktlich wie jeden Morgen wachten wir vom Gelärm in der Halle auf, da half alles Einrollen und Zieren nichts. Mäßig gut erholt von den Strapazen der 160 KM Etappe am Vortag, besuchte ich die Toilette und spulte den morgendlichen Ablauf ab. Meine Motivation und Freude auf den Tag hielt sich in Grenzen und lag eher bei verhalten-pessimistisch. Wir stiefelten zum Frühstück und gönnten uns heute eine besonders große Portion Müsli. Ich kombinierte dazu gekonnt noch zwei Brötchen mit Käse und ein Croissant und fühlte mich damit gut ausgefüllt. Mein Magen quittierte die Fracht mit kräftigem Rumpeln, dabei sollte er sich freuen, denn für den Rest des Tages war keinerlei Festes mehr vorgesehen.

Die Klamottenwahl war heute denkbar einfach, denn der Morgen verwöhnte uns schon mit Sonnestrahlen und Temperaturen um 15°C. Wir deuteten dies einstimmig als Sommer und schenkten der Regenwarnung vom Vorabend, die für den heutigen Nachmittag galt wenig Beachtung. Früh fanden wir uns heute am Start ein und so hatten wir noch etwas mehr als 1h bis zur Abfahrt. Wir setzten uns auf eine Mauer und genossen die Sonne, während Dirk direkt unter unseren Augen seinen Schlauch wechselte.Dermaßen gut vorgewärmt trödelten wir dann kurz vor Abfahrt in unseren Startblock und warteten auf den Startschuß. Wir rollten wie immer pünktlich um 09:00 Uhr los, heute allerdings wieder gebremst.

Der Start bis kurz vor Prad war wieder neutralisiert, da eine Bundesstraße gesperrt werden musste und diese so schnell wie möglich wieder für den Verkehr frei sein sollte. So zuckelten wir die ersten 30 KM ziemlich gemütlich Richtung Prad. Innerlich war ich sehr dankbar dafür, konnte ich mich doch endlich mal so etwas wie warm fahren. Mit jedem Kilometer wurde meine Muskulatur lockerer und ich fühlte mich immer besser. Das Tendenzometer zeigte langsam in Richtung verhalten-optimistisch. Ich versuchte bis Prad noch fleißig zu essen und zu trinken, damit ich die Schuld für meine eventuelles Versagen wenigsten nicht auf das Essen schieben konnte. Kurz vor der Verpflegung gab ich dann Philipp meine Flasche, der sie an sich nahm, um sie wieder aufzufüllen. Wir wollten auf keinen Fall riskieren, dass ich zu früh aus der Spitzengruppe fliege. Auf Höhe der Verpflegung sah ich durch Zufall noch die Startlinie von der aus man die Zeit hinauf bis zur Spitze misst und nahm noch flugs die Zwischenzeit. Das Tempo war schon im unteren Teil des Anstiegs der knapp 4% hat sehr hoch. Mein Puls kletterte auf 170, wo ich versuchte ihn zu halten. Ich wollte um jeden Preis vermeiden zu überziehen und so ließ ich die Spitze dann knapp vor der ersten Kehre ziehen. Trotzdem gab ich ordentlich Gas und sammelte alsbald auch die erste Gruppe wieder ein. Währenddessen kam Philipp von hinten regelrecht angeflogen. Mit der Flasche unterm Trikot sah er fast aus, wie Quasimodo. *g* Das Stilfzer Joch bot schon im unteren Teil einen beeindruckenden Anblick und die strammen 9% veranlassten mich dazu streng nach Puls hinauf zu stiefeln. Da fast nur bessere Leute als ich es war vor mir in den Berg fuhren hielt sich die Überholfrequenz sehr in Grenzen und trug nur wenig zur Motivation bei. Dennoch blieb das ein oder andere Erfolgserlebnis nicht aus. Besonders hinderlich war das ständige Trinken, das einen immer wieder zwang kurz den Rhythmus zu unterbrechen. Aber es musste sein. Auf halber Strecke kam dann noch einmal eine kleines Steilstück, das aber nicht weiter erwähnenswert war. Hier wurden wir von den zweiten der Grand-Masters Kategorie überholt. Ich versucht Ihnen ein Stück weit zu folgen, ließ es aber nach knapp 1 KM bleiben. Mittlerweile hatten wir die Baumgrenze passiert und die Aufschrift „21“ in der Kehre zeigte an, dass wir gut die Hälfte der Strecke hinter uns haben sollten. Der freie Blick hinüber zum Ortler und auf den Gletscher waren sehr imposant und an dieser Stelle kaum zu beschreiben. Ein kurzer Blick nach oben verriet jedoch, dass noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns lag. Mit knapp 75 U/min wuchtete ich mich den Berg hinauf, während Philipp fast spielerisch an meiner Seite hinauf tänzelte. Der Berg schien kein Ende nehmen zu wollen und so stampfte ich wieder mal in einer Mischung aus Trotz und Wut hinauf. Ich wollte endlich oben sein! Bei einem der raren Blicke nach unten schauderte es einem dann förmlich, als man die endlos lange Schlange an Radfahrern sah, die sich hinter einem die Serpentinen hinauf quälten und neue Motivation kroch in die müden Beine. Nach 1h und 37 Minuten war es dann endlich geschafft, das Joch war erklommen, der Paß bezwungen und meine Beine weich wie Babybrei.

Oben breitete sich dann ein euphorisches Gefühl, zusammen mit rasend den Körper ergreifenden Frost, aus. Auf der Passhöhe waren es nur noch 0°C und es wehte ein heftiger Wind von der anderen Seite des Berges. Dadurch kühlte der Körper schnell aus uns man sehnte sich schnell wieder nach einem Anstieg. Während der Abfahrt passierten wir mehrere Tunnel, die zwar winzige Lichtlöcher hatten, praktisch aber stockfinster waren, noch dazu wenn man mit Sonnenbrille in sie hinein fuhr. Keiner der Tunnel war sehr lang, aber man konnte nie das Ende sehen und immer lagen sie in einer leichten Kurve. Die Fahrt hindurch wurde so zum Blindflug und man ahnte nur die Richtung in die es gehen sollte. Zwar wurden wir von den Marshalls vorher gewarnt, aber der Nervenkitzel blieb. Weiter unten wurde es endlich wieder merklich wärmer und wir schöpften neue Kräfte.

In unserer neuen Spezialdisziplin Abfahrt konnten wir sogar noch ein paar verloren gegangen Schafe wieder einfangen und fuhren sogar wieder auf die Führenden der Grand-Masters-Wertung auf. Das Glück war jedoch nur von kurzer Dauer, da wir an der zweiten Verpflegung erst einmal Nachbunkern mussten. Ich füllte beide Flaschen auf und erbat mir 5 Squeezys plus Banane, welche ich mir gleich zwischen die Kauleisten legte. Mit vollem Mund ging es dann weiter, hinein in den Zweiten und Letzten Anstieg, hinauf zum Passo Foscagno und zum Passo d’Eira. Mittlerweile spürte ich die Butter in meinen Beinen sehr gut, doch zum Verweilen blieb keine Zeit, denn uns hing das Team Sportnora an den Hacken. Wir wurden zwar gleich am Anfang von den Grand-Masters wieder abgehängt, konnten aber den Vorsprung auf unsere direkten Verfolger konstant halten und zum Schluß sogar etwas ausbauen. Ich versuchte gar nicht erst mich wirr zu machen und schaute nur selten nach hinten, vielmehr versuchte ich konstant den Berg hochzukurbeln. Die durchschnittlich 6,2% fuhren wir mit gut 15 km/h hoch, was eigentlich schlecht ist. Allen Anderen ging es aber heute zum Glück nicht viel besser. Nach dem Foscagno an dem es schon wieder bitterkalt war gab es noch ein kurze Abfahrt. Die knapp 4 KM reichten aus, um meine Beine in eine Art Starre fallen zu lassen. Ich konnte sie nur schwer davon zu überzeugen noch einmal etwas Leistung abzugeben um noch den kurzen Anstieg zum Passo d’Eira zu meistern. Dies war heute der mit Abstand schwerste Abschnitt für den Geist. Kalte Beine und einsetzender Schneefall zerrten an den Nerven und am Körper. Mit letzter Kraft schleppten wir uns auf die Passhöhe, welche mir schon wie das eigentliche Ziel vorkam, da es von nun an nur noch bergab ging. Mit klammen Händen und zitterndem Körper sausten wir die Abfahrt hinunter. Wir machten noch einmal Druck, im Rahmen des Möglichen und Machbaren, um unsere Verfolger abzuschütteln. Und es klappte, wir gewannen in der Abfahrt noch einmal eine gute ¾ Minute. Bei der ganzen Hatz wäre ich in einem Kreisverkehr fast geradeaus gefahren. Der Versteuerer kostete noch einmal Sekunden, aber er machte uns nur entschlossener. Philipp schoss durch das Dorf, ich wie immer hinterher, rum um den letzten Linksknick und dann kam es endlich das lang ersehnte Ziel! Ein letzter Sprint und wir waren da!

Erschöpft stiegen wir vom Rad und griffen gierig nach Wasser und Schinken um unseren Hunger und Durst zu stillen. In Livigno war es nicht viel wärmer als auf den umliegenden Pässen und so verweilten wir nur kurz im Zielbereich. Wir gingen schnurstracks ins Camp, das nur 50 m vom Ziel entfernt lag. Es war in der örtlichen Mehrzweckhalle eingerichtet. Das Schlafabteil war nur durch ein paar aufgestellte Zaunfelder vom Essensbereich abgetrennt und ließ nichts gutes für die Nacht erahnen. Nach dem heutigen Tag genoss ich die Dusche besonders. Nach etwa 20 min. war ich der Meinung, dass es genug sei und begab mich wieder ins Camp. Dort folgte wie immer ein intensives Wiederaufbauprogramm mit Massage, Schlafen, Trinken, Essen, Schlafen, Trinken, Essen und wieder Schlafen – bis zum Abendessen. Man war einfach zu müde um noch was zu unternehmen. Die kurzen und wenig erholsamen Nächte forderten langsam ihren Tribut und so befand ich mich nach der Etappe eher in einem Zustand geistiger Umnachtung, denn blühenden Lebens. Der unbändige Hunger befahl uns dann wieder, rechtzeitig die Essensausgabe aufzusuchen. Und so taten wir, was unsere Mägen befahlen. Doch der sollte heute Leiden wie ein Hund. Das Essen in Livigno war zwar nett zusammengestellt und schmeckte, die Portionen waren aber ein Witz. Ein kleines Portiönchen Nudeln mit Tomatensoße, dazu ein Tomatensalat mit Honigmelone, ein Stück Käse, ein Brötchen ohne Inhalt und ein Stück Kuchen, alles hübsch auf Plastiktellern mit Plastikbesteck serviert. Nach dieser kleinen Vorspeise war mein Magen betriebswarm, aber es gab vorerst keinen neuen Brennstoff. Die Schlange an der Ausgabe war enorm lang und lud nicht zum Verweilen ein. Mit knurrendem Magen wartete ich auf ein Verkürzung der Selbigen. Dies zog sich noch eine Weile hin und währenddessen bekamen wir ein heißes Showprogramm der örtlichen Aerobic-Gruppe geboten, das reichlich zum Lachen einlud. Nach knapp 1,5 h war die Schlange endlich wieder auf ein erträgliches Maß geschrumpft und ich setzte zum zweiten Beutezug an. Doch auch das Ergebnis des zweiten Beutezuges fiel ernüchternd aus. Wieder nur eine Miniportion Nudeln und ein Stück Käse. So lecker der Käse war, er konnte nicht über meinen nur halb gefüllten Bauch hinwegtrösten. Enttäuscht und noch immer hungrig ließ ich das Briefing über mich ergehen und wartete auf die Bilder des Tages. Nur die Auswertung des Tagesklassements brachte etwas bessere Stimmung an unseren Tisch, hatten wir doch endlich schwarz auf weiß, dass wir heute auf Platz 14 einliefen. Yeah! Nach dem Video des Tages gingen wir in unser Schlafabteil und versuchten so viel Schlaf wie nur möglich zu bekommen. Jedoch half bei der Geräuschkulisse aus dem Essabteil auch kein Ohropax und Augen verbinden. Die Ruhe blieb einfach aus. Erst als gegen 22:00 Uhr das Licht gelöscht wurde konnte man an den bitter nötigen Schlaf denken und langsam hinein sinken.