Jeantex Tour Transalp 2007 - 2. Etappe: Von Imst nach Ischgl

Ort: 
Imst
Veranstaltungsdatum: 
26.06.2007

Meine Freunde, die haben ganz schön Dampf...

Raschel, raschel, tippel, tappel, leises flüstern…. Mit stark gedämpfter Geräuschkulisse wachte ich heute auf. Herrlich! Was für eine vergleichsweise erholsame Nacht, trotz des harten Untergrundes welcher durch die Anwesenheit einer Isomatte nicht wirklich spürbar weicher wurde. Es war 05:30 Uhr als wir aufstanden, eine Zeit die in den nächsten Tagen unser Standardaufstehzeit werden sollte. Wir schlugen uns also die Kissen aus dem Gesicht und besuchten erst einmal das Waschbecken. Heute war auch hier anstehen angesagt. Es gab schließlich nur drei. Mit abwechselnden Sprüngen zum Waschbecken hin und wieder zurück, ähnlich der Duscherei am Vortag, wuschen wir uns wasser- und zeitsparend. Was für ein Segen für die Umwelt. Anschließend machten wir uns auf den weiten Marsch zur Frühstücksverpflegung. Am anderen Ende der Tennishalle angekommen standen wir wieder. Diesmal in der Schlange zum Kaffeeautomaten. Engländer würden das hier sicher lieben. Philipp war schon etwas vor mir da und nahm sein Mahl schon ein, während ich noch warten drufte. Die Auswahl war reichlich und man konnte sich nicht beschweren. Zum Auffüllen des Müslis gab’s heute sogar Kellen, welch ein Segen. Flugs noch etwas Milch geholt und schon saß ich. Mir gegenüber nahmen die „Asphaltfräsen aus dem Arzgebirsch“ platz. Was für ein Anblick, sage ich Euch! Zumindest einer hatte den Einsatz der Fräse offensichtlich mit dem partiellen Verlust seiner Haarpracht bezahlen müssen, dachte ich mir und aß vergnüglich mein Frühstück.

Anschließend ging es an das Anmöhlen der Klamotten. Draußen sah es noch nicht sehr freundlich aus, als wir uns gegen 07:30 Uhr startbereit machten. Also kamen noch Knie- und Armlinge zum Einsatz. Ergänzt durch eine ziemlich eklige Mischung aus einer Lage Sonnenschutzcreme und einer Deckschicht Öl. An der Schutzschicht blieb so ziemlich alles kleben, was ran kam und so wuchs sie über den Tag beständig an. Die Sonnenschutzcreme erschein uns als gute Idee, da wir uns am Vortag beide einen schönen Sonnebrand zuzogen. Dermaßen gut gegen alle Unbillen gerüstet holten wir unsere Räder aus dem Bike-Park ab. Die Sättel waren noch taufrisch und so mussten wir sie erst einmal trocken legen.

Am Start angekommen war dann noch reichlich Zeit bis zum eigentlichen Start selbst. Ab 08:15 durfte man in die Startblocks, damit es dann pünktlich um 0900 los gehen konnte. Da wir uns auf Grund unserer Platzierung in Block-B wähnten fuhren wir auch erst einmal in selbigem herum, zusammen mit Dirk und Florian. Als dann die „Aufpasserin“ kam und die Nummern durchging, meinte sie, dass 203 nicht auf Ihrer Liste stünde. Wir guckten uns fragend an und tingelten zum Infoboard, wo die aktuelle Startblockeinteilung hing. Auch in C fanden wir uns dort nicht. Wir suchten weiter, bis Philipp auf einmal meinte, dass wir in Block-A stünden. Was für einer frohe Botschaft, an diesem kühlen Morgen! Wir grinsten uns an und freuten uns innerlich beide sehr, dass wir es gestern doch noch geschafft hatten. Wir sortierten uns also in Block-A ein und fieberten dem Startschuss entgegen. Genau 09:00 Uhr ging es los.

Abfahrt Richtung Landeck, von wo aus der Arlbergpass heute als erstes erklommen werden sollte. Die ersten 8 Kilometer ging es neutralisiert bis nach Mils. Es wurde zwar ruhig gefahren, aber die Gullideckelumfahrer konnten Ihr gefährliches Tun immer noch nicht lassen. Bis Landeck hatten dann auch die B- und C-Block Fahrer aufgeschlossen, so dass es in einem riesigen Pulk von ca. 300 Fahrern nach Pettnau hinaufging. Bis nach St. Anton blieb der Pulk dicht beieinander und man hatte seine liebe Müh heil durchzukommen. Aber dann ging es schon in den Anstieg. Der Arlbergpass ist zwar mit 5 km Länge ab St. Anton und nur 500 HM nicht sehr beeindruckend, fällt bei mir aber unter die Kategorie „kleiner Giftzwerg“. Niedliche 7% zu Beginn nehmen den Übermut, 5% in der Mitte machen neuen Mut und 8% am Ende nehmen dir die Lust am Weiterfahren. Philipp blieb während des gesamten Anstiegs an meiner Seite, ich glaub er trödelte gar etwas. Egal, mein Puls war wie immer Anschlag 180. Im Anstieg fuhr ich noch an Dirk vorbei und dachte: “Wow! Heute läuft’s aber!“. Oben gab es für unsere Mühen dann eine kleine Erfrischung. Wir tankten nach. Philipp wollte eigentlich durchfahren und so bemerkte ich nicht, dass auch er tankte. Ich schoß also in die Abfahrt wie ein geölter Blitz und versuchte auf Teufel komm raus ihn einzuholen. Vor mir fuhr die 8er Gruppe mit der wir hoch furhen und ich wähnte Philipp in Ihr. Ich gab alles was ich hatte. Der Tacho kletterte auf 80, 85, 90, wieder runter auf 30 durch die Kurve und gleich wieder auf 80, 85. Nach gut 5 km hatte ich sie. Nur Philipp war nicht zu sehen. Ganz am Horizont machte ich in meinem Wahn ein blaues Trikot aus und dachte, dass er das wäre. Ich beschloss innerlich nicht mehr hinterherzuhetzen und weiter mit der Gruppe ins Tal zu sausen. Die Ortschaften flogen nur so vorbei und als ich mich irgendwann später mal umsah, sah ich Philipp in unserer mittlerweile wieder gut angewachsenen Gruppe. Puh, doch nicht vorne weg. Er erzählte mir kurz, dass er mich jagte und nicht ich ihn und dann ging die gemeinsame Jagd weiter. Die Spitze musste noch wieder eingeholt werden. Zusammen mit den zwei Hamburgern Jens und Harald, von der RG Uni Hamburg machten wir ordentlich Druck und zogen den Pulk in die Länge. Ich muss gestehen Jens und Harald hatten die deutlich besseren Drückerqualitäten. Kurz vor Bings konnten wir dadruch den Anschluss wiederherstellen.

In Schruns gab es dann noch eine lustige Begebenheit mit der Bahn. Der Bahnübergang war geschlossen und alle wollten mal kurz ranfahren. Leider blieb nur genügend Zeit um das kleine Geschäft vorzubereiten, als die Bahn mit nur 2 Waggons vorbeikam und sofort darauf die Signallichter ausgingen und zur Weiterfahrt einluden. War ein lustiger Anblick wenn gute 60 Mann wie wild Ihren Dödel wieder einpacken müssen. *G* Das war dann aber auch der letzte Spaß für heute.

Die nächsten 15 km nach Gaschurns ging es noch einigermaßen eben. Dort gab es die zweite Verpflegung für heute. Clever wie ich war fuhr ich schon mal rechts raus und wollte auf dem Gehweg einfahren. Leider verpasste ich deshalb die Zwischenzeitnahme. Ich tankte also wie wild auf, drehte mein Rad in der Verpflegung um 180° und eierte noch einmal zurück, um über die Kontaktschleife zu fahren. Man will ja nicht wegen Lappalien disqualifiziert werden. Danach griff ich mir noch ein paar Packen Squeezys und schon hetzten wir dem mittlerweile wieder etwas entrücktem Feld hinterher. Ich regelte meine Mühen jedoch schnell wieder herunter, denn der finale Anstieg des Tages hinauf zur Bielerhöhe lag nun unmittelbar vor uns. Besser gesagt wir waren schon mittendrin. Anfänglich waren es nur 3-4%. Erst ab der Mautstelle ging es dann heftiger zur Sache. Der Berg wurde steiler, 8% in steilen Stücken auch mal 10% erwarteten den geneigten Radler und luden zum Herzkasper ein. Über meinen Puls brauch ich an dieser Stelle wohl nichts mehr sagen. Die automatische Geschwindigkeitsbegrenzung regelte ab 180 ab und so tingelte ich mit 173 im Schnitt die Bielerhöhe hinauf. Philipp fuhr indes schon vor, da Regen angesagt war und er der Bremswirkung seiner Hochleistungsplastikfelgen unter solchen Witterungsbedingungen nicht ganz über den Weg traute. Ich sah ihn langsam entschwinden. Mit jeder Kurve war es ein Meter mehr, den er davon zog – Bergfloh müsste man sein.

Schniefend und schnaubend wuchtete ich meine 68 kg pure Muskelästhetik in die Pedale und fuhr trotzig den Berg hoch. Alles wäre schön gewesen, wenn da nicht dieser nervige deutsch Bus gewesen wäre, der einen 3 mal überholte, nur um dann in jeder Kurve wieder überholt zu werden. Irgendwann muß er rausgezogen worden sein, jedenfalls war es auf einmal still am Berg und kein Busgedröhne hetzte einen mehr den Berg hoch. Dafür durfte ich hin und wieder andere Radler mit dem Anblick meiner Stahlwaden beglücken und genoss den Augenblick des Triumphes. Ich sog ihn in mich auf, wie Dracula das Blut seiner Opfer. Derlei Motivation bewirkte mehr als das Squeezy mit Koffein.

Nach 7 km Anstieg kam dann endlich der ersehnte Silvrettastausee. (….Foto…) Eine Augenweide! glasklares blaugrünes Wasser und drumherum kein Baum, denn wir waren schon auf gut 1600 m Höhe angekommen. Es ging ca. 1,5 km leicht bergab, bevor einen die letzte längere Auffahrt in Empfang nahm. Noch knapp 3 km und 300 HM wollten erklommen werden. Das rollen tat mir nicht gut und so quälte ich mich mehr schlecht als recht hinauf. Es lief jedenfalls nicht mehr so geschmeidig wie im unteren Teil. Meiner Motivation neuer Nahrung gab es als ich merkte, dass zwei Fahrer, die nahezu den gesamten Berg mit mir erklommen, langsam nachließen. Ich nutzte den letzten flachen Kilometer nicht wie alle Anderen zum Verschnaufen, sondern zog voll durch. Im Wiegetritt und mit 39/13 kletterte ich dann die letzte kurze Rampe hinauf. Ich sah mich um und dachte: „Geil, voll die Meter gut gemacht, jetzt kommt nur noch eine Abfahrt und dann schon dass Ziel“. Ich bretterte die Abfahrt also als 20 km EZFi hinab, wobei ich noch 3 andere Fahrer überholte und von einer Kuh, die mitten auf der Straße parkte ausgebremst wurde. Mein Puls war nicht wesentlich niedriger als bergauf, aber es machte mehr Spaß. In der Abfahrt gab es einige Flachpassagen, die mich viel Kraft kosteten und so wurde ich von meinen Verfolgern 2 km vor dem Ziel wieder eingeholt. Das war Kraftverschwendung pur. In Ischgl positionierte ich mich dann etwas trotzig so in der Gruppe, dass ich wenigstens als erster davon im Ziel waren.

Etwas geschlaucht sah ich schon Philipp, der mir sagte, dass wir heute unter den besten 20 sein sollten. Ich registrierte dies beiläufig, konnte es aber noch nicht wirklich verarbeiten. Blut im Bein heißt Blutarmut im Hirn. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte gingen wir dann auch gleich in das Camp, welches heute etwas oberhalb des Ortes war. Es war mal wieder eine Tennishalle, dieses mal aber eine 1st class Tennishalle. Nobel geht die Welt zu Grunde. Sowieso ist in Ischgl alles nobel. 4-Sterne hier, 5 Sterne da, dann wieder ein Bauernhof, wahrscheinlich auch mit 4-Sterne odeur* und dann wieder 4 oder 5 Sterne. Nur eines ist etwas seltsam, das Logo von Ischgl. Es hätte auch genauso gut an den Kragen der Waffen-SS gepaßt. Waffen-SS, Abteilung Ischgl oder so ähnlich. Ob der Adolf von hier kam? Nun gut, genug der Kopfverrenkungen, Blut ist sowieso keines im Hirn.

Heute waren wir die ersten im Camp und kamen so in den Genuss so lange zu duschen, wie wir wollten. Nach der ausgiebigen Dusche gab es dann das Beinverwöhnprogramm aus eigenem Hause. Da wir früh da waren und auch entsprechend mit allem fertig konnten wir pünktlich zum Abendmahl gehen. Für heute war ein 4-Sterne Essen angekündigt. Es wurde nicht zuviel versprochen. Es gab Penne, Spaghetti oder Reis mit Hühnchen, Gorgonzolasauce, Bolognese oder Gemüsesoße. Alle sahen sehr lecker aus und waren frisch zubereitet. Das Essen mundete heute sehr und auch für Nachschub bis zum Abwinken war gesorgt. Das erfreut das Sportlerherz. Ich genehmigte mir zwei gut gehäufte Portionen und einen Teller Möhrensalat. Am Ende litt ich unter leichter Einschränkung meiner Mobilität. Während des heutigen. Briefings forderte uns dann plötzlich eine Stimme aus dem Off auf, dass wir auch gerne noch ein Eis essen könnten und unterbrach den guten Hr. Stanciu damit auf eine urkomische Art und Weise, dass der ganze Saal lachte. Ich lehne dankend ab, sonst wäre ich nicht mehr ins Camp gekommen. Nach den Bildern des Tages gingen wir dann wieder hinauf in unsere Luxusherberge und harrten dem nächsten Tag, für den wieder einmal Regen angesagt wurde. Und wieder stand die dringliche Aufforderung im Raum, sich auf das schlimmste Wetter vorzubereiten. Was produzierte der Hauptsponsor noch gleich?

 

Fazit des Tages: Deutsche Autofahrer schießen auch im Ausland den Vogel ab. Oder ist Österreich gar kein Ausland?

 

*odeur, frz. Geruch