Jan beim Alpenbrevet

Ort: 
Meiringen
Veranstaltungsdatum: 
09.08.2008

Grüezi!

Zurück aus der Schweiz nun mein Rennbericht zum Alpenbrevet 2008.

Am StartUnweit vom Startort Meiringen bezog ich am Vortag des Rennens Quartier in Giswil und machte mich anschließend auf zur Rennanmeldung. Startnummer 657 lag neben weiteren nützlichen Beigaben für mich bereit. Respektvoll schweifte mein Blick in die Runde, angesichts hoher Gipfel und steiler Bergwände. Mit dem Streckenplan in der Hand zog ich mich dann ganz in Familie zu einem Italiener zurück, um die letzte geballte Portion Kohlenhydrate reinzuschaufeln. Zeitig zu Bett hatte ich erheblich Probleme in den Schlaf zu kommen und nachdem mir das gelungen war, klingelte der Wecker auch schon wieder um 5.20 Uhr. Neben dem Klingeln fiel mir noch ein weiteres Geräusch auf, auf das ich wahrlich hätte verzichten können … es regnete und die dicken Tropfen prasselten auf das Dach des Hotels. Schlaftrunken versuchte ich meine Kontaktlinsen einzusetzen und beinahe wäre doch die eine noch im Abfluss des Waschtisches verschwunden, Glück gehabt. smiley

In Meiringen gegen 6.15 Uhr angekommen tummelte sich dort bereits ein buntes Fahrerfeld aus diversen Nationen, teils mit Rädern unterm Hintern, die man sonst nur aus der „Tour“ aus den Rubriken „Edelrenner“ und „Unerschwingliches“ kennt. Der Sprecher gab dann bei einsetzendem Regen bekannt, dass es voraussichtlich nicht regnen werde und dass wir uns alle keine Sorgen machen müssten, da der Gefrierpunkt erst auf 3.700 m wartet. Nun ja, ich hatte mich gleichwohl mit Knielingen, Überschuhen, Regenjacke und langen Handschuhen auf die zu erwartende Kälte vorbereitet und das war gut so!

Jan auf dem Weg nach obenDie Startaufstellung war gestaffelt nach dem individuell erwarteten Schnitt (24 km/h, 22 km/h, 20 km/h u.s.w.). Ich suchte mir einen Platz im Mittelfeld, also bei denen, die um 20 km/h schnell fahren wollten.
Pünktlich um 6.45 Uhr wurde der Start zum Alpenbrevet 2008 freigegeben und über 1.500 Fahrer setzten sich in Bewegung, zunächst auf einer ca. 7 km abgesperrten Strecke bis Innertkirchen, auf der man einen kleinen Vorgeschmack auf die Steigungen bekommen sollte. Mit moderaten 4 % ging´s die ersten 120 m hoch und ebenso wieder runter bis nach Boden, der Beginn des Anstiegs zum Grimselpass, 26 km, Steigungen um 7 %. Uns begleitete ein leichter Regen und mit ca. 12 km/h kletterte das Peloton ziemlich geschlossen durch etliche stockdunkle Tunnel bergauf. Alle 300 Hm griff ich diszipliniert aber mit schwindendem Appetit zu Banane, Riegel oder Gel smiley. Der Regen ließ dann bei 1.400 Hm langsam nach und eine längere Passage entlang des Stausees Rätrichsbodensee mit nur 2 % Steigung gab Gelegenheit, überschüssiges Laktat abzubauen, bevor eine ca. 1 km lange, mit 16 % Steigung angegebene Rampe wartete. Unter tropfenden Felsübersprüngen, teilweise auf Kopfsteinpflaster arbeitete ich mich voran. Ich betrachtete noch gerade im Wiegetritt mein Vorderrad, da ging ein freudiges Raunen durchs Fahrerfeld. Passhöhe? Nö, konnte noch nicht sein, laut Höhenmesser fehlten noch 300 Hm. Des Rätsels Lösung: ein winziges Stück blauer Himmel. Die Freude war von kurzer Dauer, wartete doch kurz darauf dichter Nebel auf uns, der bis auf Passhöhe anhielt. Egal, meinen ersten Alpenpass (Grimsel, 2.164 m) hatte ich genommen. smiley Oben gab´s leider keinen schönen Ausblick, dafür aber alles, was das kulinarisch verwöhnte Sportlerherz höher schlagen lässt, … Gels u.s.w. und ein braunes Heißgetränk, das ich in der Annahme, es sei Tee in meine Trinkflasche füllte und einen kräftigen Schluck nahm. Irren ist menschlich, war kein Tee, war Brühe (scheußliche Brühe). Also wieder raus damit aus der Flasche und einen eisigen Isomix rein. Schnell noch ein Foto, lange Handschuhe und Regenjacke an und ab ging die erste Abfahrt des Tages. Etwas eierig wegen der nassen Straße und der doch zugegeben ungewohnten Beschleunigung bei 7 - 10 % Gefälle ging´s in mehreren Serpentinen 6 km runter nach Gletsch, wo sich die Strecke teilte. Ich hatte mich wie weitere 465 Fahrer auf die sog. Silberstrecke vorbereitet und so bog ich nach der ersten Zeitmessung in Richtung Furkapass ab. Der Nebel hatte sich zwischenzeitlich gelichtet und der kurze Blick zurück nach oben auf die hinter mir liegende Strecke war irgendwie atemberaubend.

GrimselpassÜber 10 km führte die Straße nun bei durchschnittlichen 7 % bergauf zum Furkapass. Die Passstraße war wegen der ziemlich gleichmäßigen Steigung gut zu fahren und es blieb sogar Zeit den Blick zurück zum Rhonegletscher und ins langgestreckte Tal zu werfen. Es gelang mir etliche Fahrerkollegen, die bei der ersten Abfahrt mehr Mut bewiesen hatten, wieder zu überholen. Selbstbewusst stiefelte ich den Berg hoch und dann doch ein kleines Malheur; mein Transponder hatte sich wegen der Feuchtigkeit gelöst und ging zu Boden. smiley Ich tütelte das Ding irgendwie wieder an den Lenker und nutzte die Zwangspause für ein paar Fotos. Meinen Tritt hatte ich schnell wieder gefunden, wie auch einen Gesprächspartner aus Basel, der mir bis zum Rennende immer wieder über den Weg lief (fuhr). Er gab mir noch einige wertvolle Tipps bezogen auf die kommende heftige Abfahrt nach Realp und Andermatt, immerhin hatte sich der Nebel auf Passhöhe von 2.429 m wieder verdichtet und nach den Beschreibungen im WWW sollte die Abfahrt mangels Leitplanken nicht unbedingt was für Höhenängstliche sein. Ich zähle mich auch zu der Gattung und war gelegentlich froh darüber, dank des dichten Nebels nicht ständig herunterblicken zu müssen. Letzterer sollte sich dann während der Abfahrt für den Rest des Tages lichten, die Straße wurde trocken und ich deshalb deutlich mutiger, was den Speed anging, hatte ich doch bei der ersten Abfahrt einiges an Zeit gelassen.

Rasend schnell tickte mein Höhenmesser bis auf 1.500 Hm runter. Die nächsten gut 70 Hm hatten weniger mit einer Abfahrt zu tun. Über 7 km blies ein recht starker Wind entgegen und ich fühlte mich fast wie zu Hause. Schnell hatten einige Mitfahrer den Braten gerochen und parallel zur Bahnstrecke einen kleinen Zug hinter mir gebildet, sozusagen der Glacier-Express auf der Straße. Beim nächsten Verpflegungspunkt machte ich dem Ganzen ein Ende, um meine Vorräte aufzufüllen. Nach kurzem Stopp weiter durch Andermatt in Richtung Schöllenenschlucht. Dort wartete für mich die schnellste Abfahrt bis nach Wassen durch diverse lange Tunnel, häufig 10 % Gefälle und traumhaften Serpentinen, Tagestop-Speed 69,68 km/h.

Der 18 km lange finale Anstieg zum Sustenpass (Passhöhe 2.224 m) mit einer Steigung von 8 % war allein mit den Beinen nicht mehr zu bezwingen, hier war der Kopf gefragt, durch den zu Beginn des 2. Drittels des Anstiegs so Gedanken schwirrten wie; „das ist doch irre, was du hier tust“. smiley Die Sonne stand mittlerweile im Zenit, Puls um 170 bmin, kein Wind und eine endlos scheinende Straße, die man fast bis auf Passhöhe über ca. 10 km vor sich liegen sah. Was tun, außer treten? Erstmal ausziehen, immerhin glühte der Stern über mir. Dann setzte ich mir Zwischenziele (hatte ich mal gelesen, dass man das tun soll), wie einen kurzen Tunnel und einen Wasserfall in der Ferne und jeweils 100 Hm, die ich zurückgelegt hatte. Einige Kollegen stiefelten nun an mir vorbei und ich zweifelte an meinen Fähigkeiten. Die Zweifel zerstreuten sich schnell, angesichts dessen, dass dieselben Fahrer schwer atmend und mit sichtbar zitternden Knien kurz darauf an der Felswand lehnten. Vor der Passhöhe kamen zwei Serpentinen, die jeweils geschätzte 100 Hm auseinander lagen. Es waren rechnerisch nur noch 300 Hm und trotzdem hatte auch ich mental meinen Tiefpunkt des Tages erreicht. Genau in dem Moment rauschte an mir ein abfahrender MTBi-Fahrer vorbei, der mir zurief „Gleich bist du oben“. Das gab mir den Kick, den ich jetzt brauchte. Raus aus dem Sattel und im Wiegetritt die nächsten Meter weiter, um die letzte Serpentine herum, noch mal ein paar hundert Meter bis zu einem Tunnel, den Blick zurück ins tiefe Tal, ringsum riesige schneebedeckte Berge, alle zwischen 3.000 und 3.500 m hoch. Ich hatte Jan am Passes geschafft. smileyHinter dem Tunnel wartete die Passhöhe und der letzte Verpflegungsstützpunkt. Da mein Bedarf nach Süßem bereits gedeckt war, griff ich zum Bergwasser (pur und eiskalt). Vor der Abfahrt machte ich noch kurz Fotos vom Sustenhorn mit 3.503 m Höhe und dem gigantischen Steingletscher. Die dann folgende schnelle Abfahrt nach Innertkirchen habe ich wahrlich genossen, hatte ich doch mein Ziel schon beim letzten Pass erreicht. Hinter Innertkirchen nahm ich dann noch die letzten Höhenmeter beherzt und schließlich das Ziel Meiringen in Angriff. Dort, nach 131 km, 3975 Hm und einer Fahrzeit von 7:25:03 angekommen wurde jeder Fahrer persönlich begrüßt. Als Finishergeschenk gab es Armlinge, die an das Event erinnern werden. Eine offizielle Rangliste gibt es nicht, aber ich dürfte mich im Mittelfeld platziert haben. 154 Fahrer haben aufgegeben.

Ein Erlebnis, das in keinem Tagebuch eines Rennradfahrers fehlen sollte. Danke nochmals an alle, die mir Tipps für´s Trainingi und für´s Rennen gegeben haben, die waren alle sehr hilfreich.

Alpenbrevet (=Alpenprüfung) – bestanden!

PS: der seit langem wohl längste Rennbericht, hoffentlich nicht langweilig, aber ich hatte riesigen Spaß dabei, das Rennen auf diese Art noch einmal Revue passieren zu lassen!!! (JP)